Die Zukunft der Vergan­gen­heit

Dr. Annette Ludwig über Effizienz in der Forschung


Wurzeln

1 Johannes Gutenberg hat den Buchdruck erfunden. kann man sagen, dass das ein historisches Effizienz-Thema ist?

Auf jeden Fall, der Buchdruck war eine geniale Erfindung und ausgesprochen effizient. Schreiber benötigten zwei, drei Jahre, bis ein einziges buch fertig war. Gutenberg hat mit seiner Technologie, zu der bewegliche Metall-Lettern gehörten, in derselben Zeit die Gutenberg-Bibel in einer Auflage von 180 Exemplaren hergestellt.

2 Welchen Bezug hat diese jahrhundertealte Erfindung zu uns?

Einen sehr großen. Kernthemen unseres Museums sind Wissensverbreitung, Information, Kommunikation, Vervielfältigung, und all das ist nach wie vor aktuell. Wir möchten mit unseren Themen auch Analogien zur heutigen Lebenswelt herstellen und zeigen, wie die von Gutenberg ausgelöste medienrevolution mit der von heute zusammenhängt.

2 Ihr Museum hat ein historisches Thema. Wie vermitteln Sie den Menschen von heute Geschichte?

Nur ein Beispiel. Leben und Werk von Gutenberg kann man auch ganz aktuell erzählen: Da ist jemand, der hat eine Idee und auch Vermögen. er braucht allerdings noch viel mehr Geld, um seine wegweisende Idee in die tat umzusetzen. er leiht sich Geld, gerät mit seinem Geldgeber in streit. Die Geschichte ist ganz aktuell, denken sie doch einmal an „Start-Up-Unternehmen“, die ihre Ideen nur mithilfe von Förderern umsetzen können. Wenn sie Geschichten so erzählen, werden sie durch den Aktualitätsbezug spannend und lebensnah. Wir haben das große Glück, dass wir als Gutenberg-Museum ein Alleinstellungsmerkmal besitzen – und einzigartige Sammlungsbestände. mit diesem Pfund wuchern wir.

Dr. Annette Ludwig

Die promovierte Kunsthistorikerin stammt aus Karlsruhe. Seit 2010 ist Dr. Annette Ludwig Direktorin des Gutenberg-Museums, das sich der Erfindung des Buchdrucks und dem Erbe von Johannes Gutenberg bis in unsere Gegenwart widmet. Mit großem Erfolg: Es ist mit über 110.000 Besuchern pro Jahr eines der meistbesuchten Museen im Land und genießt national wie international großes Renommee. 

Standpunkte

4 Sie sind Museumsdirektorin. Welche Rolle spielt Effizienz bei Ihrer täglichen Arbeit?

Ich versuche das Museum so effizient zu leiten wie ein Unternehmen. Wir müssen, um „fit für die Zukunft“ zu sein, planen, einer Strategie folgen, Visionen und Pläne entwickeln. Und ich arbeite kundenorientiert: Die Besucher sind schließlich unsere Legitimation.

5 Aber das gilt nicht für jeden Bereich?

Im kulturellen, aber auch im wissenschaftlichen Bereich kann es nicht in erster Linie um Effizienz gehen. Wir erforschen, bewahren, pflegen und vermitteln das kulturelle Erbe, und dafür brauchen wir Zeit. Die Forschungsarbeit selbst wird allerdings immer effizienter, etwa durch die Digitalisierung und neue Recherchemöglichkeiten.

6 Wie schaffen Sie diesen Spagat zwischen Effizienz in der Organisation und Zeit für die Forschung?

Ich habe schon immer gerne organisiert und liebe es, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Hier im Museum gibt es täglich unzählige Dinge, die ich schnell entscheiden muss – in Bezug auf Projekte, Anfragen, Finanzen, Personal etc. Aber ich arbeite auch inhaltlich und kuratiere Ausstellungen, das ist mir wichtig. Um diese vielfältigen Aufgaben zu vereinen, muss ich effizient mit meiner Zeit umgehen. Die Arbeit in einem Haus, das nur über eine minimale personelle Ausstattung verfügt, jährlich aber mehr als 110.000 Besucher aus aller Welt begrüßen kann, ist äußerst turbulent. Aber das macht mir großen Spaß.

Im Museum wird heute sehr effizient gearbeitet - Forschung und Wissenschaft dürften aber trotzdem nicht zu kurz kommen. 

Dr. Annette Ludwig
Direktorin des Gutenberg-Museums Mainz

 

Ausblick

7 Wie sieht die Zukunft des Gutenberg-Museums aus?

Wir arbeiten für das Gutenberg-Museum als „Museum der Zukunft“. Wir haben ein neues Konzept für die inhaltliche und bauliche Neuaufstellung erarbeitet, das die Grundlage eines EU -weit ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs bildete, der im Februar abgeschlossen wurde. Dafür haben wir unsere umfangreichen Bestände, auch in den Depots, gemustert. Inhaltlich wird die Präsentation ganz anders werden. Geplant ist, dass wir unsere Exponate nicht mehr geschlossen in Abteilungen präsentieren wie bisher, sondern dass wir sie thematisch vernetzen. Und auch da kommt die Effizienz wieder ins Spiel – denn bei der Einrichtung solch neuer Angebote haben wir natürlich ein begrenztes Budget.

8 Warum wollen Sie etwas ändern?

Wir arbeiten zum Teil noch mit der Erstausstattung von 1962 – wir möchten unsere wunderbaren Bestände aber adäquat präsentieren und zeitgemäß vermitteln. Heute gibt es ja ganz andere Präsentations- und Vermittlungsmöglichkeiten. Und wir nutzen natürlich die Digitalisierung: So möchten wir zum Beispiel unsere beiden Gutenberg-Bibeln als Online-Anwendung zum Blättern für die Besucher bereitstellen – üblicherweise sieht man ja immer nur die beiden Seiten, die aufgeschlagen sind. Aktuelle Themen wie bewegte Schrift, Typographie im 20. und 21. Jahrhundert und vieles mehr greifen wir schon jetzt in Sonderausstellungen auf.

9 Und wann geht es los?

Die bauliche Optimierung des Gutenberg-Museums kann nach Abschluss des EU-weit ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs und den darauf folgenden Vertragsverhandlungen beginnen. Da sie bei laufendem Betrieb stattfinden soll, müssen wir sehr genau – und effizient – planen. Der Arbeitstitel für unser „Museum der Zukunft“ lautet: „Aus einem Haus der stummen Bücher soll ein Haus lebendiger Geschichte werden.“ |