Eine Frage der Perspektive

Was ist Effizienz?


Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis. Effizient? Wenn etwas kostengünstig ist. Oder umweltfreundlich. Oder schnell geht. Am besten alles zugleich. Vielleicht auch einfach nur etwas, das funktioniert – gut funktioniert. Laut Duden kommt Effizienz von „efficientia“, lateinisch für „Wirksamkeit“. Ein Blick in das „Gabler Wirtschaftslexikon“ verrät, dass Effizienz wiederum viele Bedeutungen haben kann. Einige Ausschnitte: 

 „Allgemein: Beurteilungskriterium, mit dem sich beschreiben lässt, ob eine Maßnahme geeignet ist, ein vorgegebenes Ziel in einer bestimmten Art und Weise zu erreichen.“ – „Umweltökonomik: Entscheidungskriterium, das von mehreren ökologisch gleich wirksamen Maßnahmen diejenige auswählt, die mit den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten verbunden ist.“ – „Statistik: Wirksamkeit.“ 

Prof. Dr. Walter Ötsch ist Ökonom und Kulturwissenschaftler, er lehrt an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und hat durch seine unterschiedlichen Fächer einen breiten Blick auf die Materie. Erstmal sei es wichtig, sagt er, dass in der Ökonomik Effizienz nur als Ziel-Mittel-Relation verstanden wird, aber nicht inhaltlich definiert wird. „In der Mikro-Ökonomie z. B. geht es immer um Optimierung, die Effizienz wird als Kosten-Nutzen-Rechnung verstanden: Ein Haushalt hat verschiedene Möglichkeiten und wählt diejenige, die den Nutzen maximiert. Oder: Eine Firma kann verschiedene Arten von Techniken einsetzen und entscheidet sich für diejenige, die am kostengünstigsten ist.“ Effizienz hängt dabei auch vom Stand der Technik ab: Früher galten Kühlschränke als effizient, die heute der Inbegriff von Ineffizienz sind. 

Aber in Bezug auf den Inhalt von Zielen hängt Effizienz von der eigenen Perspektive ab, so Prof. Ötsch. Soll eine Haustür völlig einbruchsicher sein, also effizient im Sinne der Sicherheit, oder so abgedichtet, dass keine Wärme entweicht – also ökologisch effizient? Was ist, wenn sich beides nicht vollständig vereinbaren lässt? „Ja, es kommt häufig zu Zielkonflikten: zum Beispiel zwischen kurz- und langfristiger Effizienz, zwischen Effizienz im Einzelnen und auf gesellschaftlicher oder auf globaler Ebene“, sagt Prof. Ötsch.

Auch der Sinn kann das Ziel von Effizienz sein. 

Prof. Dr. Walter Ötsch
Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues

„Nehmen wir den medizinischen Bereich. Ist die ausführliche Kommunikation des Arztes mit jedem Patienten effizient? Zeitlich sicherlich nicht. Für den langfristigen Erfolg aber vielleicht schon. Es kann sein, dass im Namen der Effizienz im Einzelfall die gesamte Effizienz sinkt. Diesen Widerspruch kann man in vielen Bereichen beobachten.“ Zum Beispiel an den Universitäten, in Forschung und Lehre. „Da gibt es internationale Rankings einzelner Personen. Dahinter steckt die Idee, effizienter zu werden, weil sich jeder mehr anstrengen muss. Ein Forscher an der Universität braucht aber auch mal Zeit, um lange über etwas nachzudenken. Es könnte also ein Nachteil sein, dass eine kurzfristige Orientierung gefordert wird und kein längeres Nachdenken.“ Als globales Beispiel nennt Prof. Ötsch die Umweltkrise: „Die kommt auch dadurch zustande, dass immer mehr Techniken eingesetzt werden, die für ihren Zweck effizient sind. Z.B. Plastik, das ja als Material ausgesprochen effizient ist. Aber jetzt haben wir schon mehr Plastikteilchen auf der Meeresoberfläche als Plankton.“

Natürlich: Die Suche nach mehr Effizienz wird und soll es immer geben. Die Frage ist aber: Was ist der Maßstab, und wer stellt ihn auf? Prof. Ötsch plädiert dafür, das Streben nach Effizienz zu relativieren. „Ein guter Manager muss natürlich auf die Bilanz schauen und auf Kennziffern achten. Aber wenn er das ausschließlich macht, kann er der Firma großen Schaden zufügen – siehe Bankenkrise und Abgasskandal.“

Eine andere Sichtweise bieten die Kulturwissenschaften. Hier wird der Mensch als sinnproduzierendes Wesen verstanden: Es geht um die Werte, die Handeln leiten. Bezogen auf Unternehmen etwa, dass die Führungskraft den Arbeitnehmer nicht nur als Kostengröße betrachtet, sondern es auch um persönliche Kommunikation geht, um soziale Interaktionen, um Ethik und Beziehungsaufbau. „In unserer Gesellschaft sehe ich zwei Trends. Einerseits das Streben nach immer mehr Gewinn. Aber andererseits auch den Anspruch an eine höhere Lebensqualität.“ Und der wiederum kann – nachhaltig gesehen – auch höchst effizient sein: Wenn die Mitarbeiter gesünder und zufriedener sind, sind sie in der Regel auch motivierter. Und das kann auf Dauer ausgesprochen viel beitragen zum Erfolg einer Organisation. |